Mit achtsamer Kommunikation Souveränität ausstrahlen

Aus meiner Coachingpraxis:

 

„In der Regel weiß ich schon nach wenigen Sätzen, was meine Mitarbeiter oder Kollegen sagen wollen und wenn sie falsch liegen, dann unterbreche ich sofort und stelle die Sache richtig. Entsprechend kriege ich die Rückmeldung, ungeduldig und dominant zu sein. Aber wenigstens werde ich ernst genommen, obwohl ich meist der Jüngste in der Runde bin.“

 

Ich mache mit dem Coachee eine Kommunikationsübung und fordere ihn auf, achtsame Gesprächsführung zu praktizieren: achtsam bei sich selbst ebenso wie bei den Kommunikationspartnern zu sein und diesen Prozess aus einer höheren Warte zu betrachten. Wie geht es mir? Was nehme ich beim Gegenüber war? Einfach nur beobachten, ohne gleich zu bewerten, dabei aber hochkonzentriert und fokussiert die verbalen Äußerungen und die nonverbalen Signale wahrnehmen. Nicht sofort die eigene, möglicherweise anderslautende Meinung zu äußern, sondern interessiert und neugierig zuzuhören. Und das Gehörte zwischendurch zusammenfassen. „Wenn ich Sie richtig verstanden habe…“.

 

Mein Coachee zeigt sich wieder einmal als enorm lernfähig. Die Umsetzung in der Kommunikationsübung – er moderiert ein simuliertes Meeting – gelingt perfekt. Das positive Feedback von mir und meiner Assistentin anzunehmen, fällt ihm dagegen deutlich schwerer. „Ich habe mich nicht souverän gefühlt, das könnte und würde ich in echt nie so machen“. Die Videoaufzeichnung der Übung ist hochspannend für ihn, bemerkt er doch einen deutlichen Unterschied zwischen Selbstbild in der Übung und dem, wie er sich von außen wahrnimmt. „Stimmt, das wirkt sogar souverän, dauert halt etwas länger, aber am Ende habe ich tatsächlich das Committment von Ihnen und Ihrer Praktikantin – sorry, ich meine natürlich von Frau Adam und Frau Berger – erhalten.“ Also mit Mitarbeitern und Kollegen kann ich das mal ausprobieren, in der Hierarchie, wenn ich meinen Chef z. B. in Gremien vertrete, da würde das nie funktionieren, da ist eindeutig Alpha-Verhalten angesagt.“ Darauf einigen wir uns.

 

Zwei Wochen später berichtet mein Coachee, dass er achtsame Kommunikation in verschiedenen Meetings angewendet hat „und das war echt gut! Ich habe nicht sofort meinen Standpunkt vertreten, sondern erst mal die anderen reden lassen. Interessanterweise kamen dann unterschiedliche Argumente von verschiedenen Seiten, teilweise haben Kollegen meine Rolle des Advocatus diaboli übernommen. In einem Fall sind wir zu „meiner“ schon von Anfang an präferierten Lösung gekommen, nur dass alle das Gefühl hatten, dass es Ihre eigene Idee war. In einem anderen Fall ist ein Kompromiss entstanden, mit dem ich auch gut leben kann und den meinen Mitarbeiter für sehr kreativ halten und entsprechend motiviert umsetzen.“

 

Selbstverständlich kann und muss achtsames Zuhören nicht die Strategie für jede Kommunikationssituation sein. Wie mein Coachee beobachtet hat, gab es auch zwei Gesprächs-Führungs-Situationen, in welchen er sofort und energisch seine Meinung vertreten bzw. seine Entscheidung unmissverständlich deutlich gemacht hat. Und wir beide dies in der Reflexion auch situations- bzw. rollenadäquat fanden. Entscheidend ist die Impulsdistanz : Mit klarem Verstand das eigene Verhalten zu wählen, sich bewusst für eine Gesprächsstrategie zu entscheiden. Anstatt automatisch „wie auf Knopfdruck“ zu Reagieren, reflexartig der ersten, vielleicht emotional-ungeduldigen Reaktion zu folgen und damit eben im bewährten Muster zu bleiben. Mit meinem Coachee hat sich noch eine spannende Reflexion angeschlossen, inwieweit gerade diese Haltung des entspannten Zuhörens zum einen Souveränität in der Führungsrolle vermitteln und gleichzeitig eine geschickte Überzeugungsstrategie sein kann. Wenn die Positionen der Beteiligten auf dem Tisch und verstanden sind, lassen sich die eigene Argumentation oft „auf den Punkt genau“ setzen.

 

Die vier Voraussetzungen und hilfreichen Haltungen achtsamer Kommunikation sind also:

 

  • Impulsdistanz, die es uns ermöglichst, mit klarem Verstand unser Gesprächsverhalten zu wählen, anstatt spontan zu agieren oder automatisch aufkommenden Gefühlen zu folgen.
  • Anfängergeist, d.h. eine neugierige, nicht-wertende Haltung, mit der wir Offenheit im Kontakt aktivieren und authentische Präsenz im Gespräch erleben können.
  • Extralosigkeit, die Konzentration ausschließlich auf den Kern des Gesprächs, ohne begleitende Gefühle, ergänzende Gedanken oder ablenkende Assoziationen.
  • Loslassen, d.h. das Gesprächsziel zwar definieren, aber gleichzeitig innerlich frei und entspannt neu auftauchenden Aspekten Raum zu geben und damit kreative Gesprächsergebnisse zu ermöglichen.

 

Karin von Schumann
kvs

Achtsamkeit im Gespräch

Achtsame Führungskräfte führen häufiger gute Gespräche und verhandeln langfristig erfolgreicher. Wer Management by Mindfulness praktiziert, reagiert seltener reflexartig, sondern tritt erst einmal einen Schritt zurück und erwägt die passende kommunikative Reaktion- sei es in Gesprächen, Meetings oder beim Beantworten der Emails. Diese Impulsdistanz fördert überlegtes Handeln und unsere Freiheit in Entscheidungen. Wir interpretieren eine Aussage unseres Kommunikationspartners nicht aufgrund unserer momentanen Bedürfnisse, Gefühle oder Interessen, sondern sind in der Lage, mit klarem Verstand unsere Antwort zu formulieren.

 

Wenn wir achtsam kommunizieren, nehmen wir die innere Haltung des Anfängergeistes ein. Im Anfängergeist zu kommunizieren bedeutet, in jeder Gesprächssituation, sei sie uns auch noch so selbstverständlich oder vertraut, achtsam und konzentriert zu sein. So als erlebten wir diese Situation das erste Mal. Üblicherweise sind Interaktionen in Meetings oder Gesprächen von Routine geprägt- aufgrund von Häufigkeit und Dauer dieser Regeltermine im Alltag einer Führungskraft erscheint das unvermeidlich. Dennoch sinkt dadurch die Effizienz deutlich, jeder ist „in Gedanken woanders“ oder „noch nicht ganz da“. Wird jedoch eine authentische Präsenz im Gespräch erlebt, steigt die Effizienz und auch die Bindungsqualität.

 

Extralosigkeit bedeutet, sich ganz auf den Kern einer Sache zu konzentrieren – ohne ergänzende oder begleitende Gefühle, Gedanken, Szenarien oder Assoziationen, die vom eigentlichen Kern ablenken. Wenn eine Führungskraft mit dieser Haltung zuhört, vermittelt sie Interesse am Anliegen, setzt beim Gesprächspartner Motivation und Kreativität frei. „Als Mensch gesehen werden“ ist für viele Mitarbeiter ein wesentlicher Indikator für eine gute Beziehung zur Führungskraft!

 

Loslassen, De-Identifikation ist das Sich-Unabhängig-Machen von äußeren Zuschreibungen wie Status, Titel, Erfolgen, Misserfolgen oder anderen Bewertungen – leichter gesagt als getan. Dennoch: Ein wesentliches Merkmal erfolgreicher Führungskräfte ist deren Autonomie im Denken und Handeln. Im Gespräch bedeutet das, zwar ein Gesprächsziel zu definieren – aber auch gleichzeitig wieder loslassen zu können. Die innere Freiheit und Entspannung im Gespräch wächst – ganz neue Aspekte können wahrgenommen, kreative Lösungen gefunden werden.

 

Versuchen Sie in Gesprächs-Führungs-Situationen Achtsamkeit zu praktizieren:

 

  • Halten Sie inne und sammeln Sie sich. Durch ein kurzes Innehalten, einige bewusste Atemzüge oder eine 3-minütige Meditation.

 

  • Schauen Sie hin. Nehmen Sie Haltung, Mimik, Gefühlsausdruck der anderen Person bewusst wahr. Stichwort „einfach nur beobachten – nicht gleich werten“

 

  • Hören Sie zu. Nehmen Sie bewusst wahr, was die Person sagt und auf welche Weise, mit welcher Tonlage sie dies tut. Wenn Sie nachfragen, stellen Sie offene „neugierige“ Fragen. (Anfängergeist einsetzen)

 

  • Aktivieren Sie Ihren inneren Beobachter. Nehmen Sie ihre eigenen Gedanken, Gefühle oder Bewertungen wahr. Erkennen Sie diese, ohne sich von ihnen überwältigen oder zu vorschnellen Reaktionen verleiten zu lassen. „Wahrnehmen und los lassen“ Kehren Sie immer wieder zu Ihrem Atem, Ihrer Körperempfindung zurück.

 

 

Anschließend können Sie folgende Aspekte reflektieren:

 

  • Was habe ich wahrgenommen und beobachtet bei meinem Dialogpartner?
  • Was habe ich wahrgenommen und beobachtet bei mir selbst?
  • Wie bin ich mit den Techniken der Achtsamkeit klar gekommen (einfach nur beobachten, Wertungen fallen lassen, offen präsent im Augenblick sein, eigenen Leistungsdruck fallen lassen)?

 

Lassen Sie uns an Ihren Erfahrungen teilhaben – wir freuen uns auf Ihre Kommentare!