Wertschätzend führen

avuta fidan

 

Als der Begriff „Wertschätzung“ fällt, unterbricht mich mein Coachee: „Ich sage Ihnen mal, was mein Vorstand davon hält. Wertschätzung, sagt er, hat in unserer Firma nichts zu suchen. Sie werden für ihre Arbeit bezahlt, sogar gut bezahlt. Im Austausch dafür erwarte ich Leistung und Engagement – so einfach ist das.“

 

Tatsächlich dominierte bis in die 1980er Jahre ein sogenanntes transaktionales Führungsverständnis. Führung wurde als ein sozialer Austauschprozess zwischen Führungskraft und Mitarbeiter gesehen. Bei diesem „Tauschgeschäft“ konzentriert sich die Führungskraft darauf, dass die Rahmenbedingungen stimmen, Emotionen spielen dabei, zumindest theoretisch, keine Rolle. Heute weiß man, das bloße Rationalität und Effizienz nicht ausreichend sind, um Mitarbeiter zu motivieren, die eigenverantwortlich, innovativ und flexibel arbeiten wollen oder sollen. Individuelle Behandlung und Förderung der Mitarbeiter, das ist die hohe Kunst der Führung, im aktuell favorisierten Modell der transformationalen Führung ebenso wie in der gelebten Führungspraxis. Die Potentiale anderer zu erkennen und sie in ihrer Individualität anzuerkennen, das erfordert Empathie und Wertschätzung, insbesondere von Unterschiedlichkeit. Dies gilt umso mehr in einer globalisierten Welt, in welcher wir tagtäglich mit unterschiedlichsten Menschen und mehrdeutigen Situationen konfrontiert sind. Unterschiedlichkeits- und Mehrdeutigkeitskompetenz, zwei sehr moderne Führungsqualitäten, setzen Wertschätzung voraus und zwar im Sinne von wohlwollender Akzeptanz und im Gegensatz zu Bewertung oder Abwertung.

 

Zur weiteren Illustration wertschätzender Führung lasse ich wieder eine Coachee zu Wort kommen: „Seit Wochen habe ich eine schöne Geburtstagsfeier im Team geplant, da erreicht mich zwei Stunden vor Beginn eine SMS meines Chefs: „Du ich schaffe es doch nicht, wird mir zu eng – sorry.“ Ich musste tief durchatmen und mich auf die vielen Kollegen konzentrieren, die den Wert meiner Einladung schätzen, um nicht ernstlich meine gute Laune zu verlieren.“ Wertschätzung betrifft einen Menschen als Ganzes, sein Wesen. Deshalb trifft uns mangelnde Wertschätzung ja so ins Mark, weil sie unsere ganze Person herabsetzt, wir uns als Person nicht geachtet, nicht respektiert fühlen.

 

Achtsamer Umgang mit sich selbst und anderen ist eine zentrale Grundlage für wertschätzende Führung. In einer achtsamen Haltung nehmen wir wahr, ohne gleich zu bewerten, begegnen Mitarbeitern, mit ihren unterschiedlichen Persönlichkeiten und Leistungsprofilen im offenen und neugierigen „Anfängergeist“. Dadurch gelingt es besser, sie in ihrer Individualität zu akzeptieren und zu fördern. Und einer achtsamen Führungskraft „passiert“ es eher nicht, die persönlichen Belange einer Mitarbeiterin, ihre Mühen und Anstrengungen mit einer flapsigen SMS abzuwerten.

 

Wertschätzung hat viel mit Selbstwert zu tun. Wenn wir uns selbst achten und respektieren, können wir auch Andere bzw. Anderssein wertschätzen. Die bekannte Familientherapeutin und Buchautorin Virgina Satir hat hierfür die Metapher eines großen Topfes („pot“) gefunden: Wertschätzung füllt unseren Selbstwerttopf und im Zustand von „high-pot“ fühlen wir uns gut, stark und zuversichtlich und können eben dies auch anderen vermitteln. Im „low-pot“ Zustand agieren wir dagegen aus einem Gefühl des Mangels heraus oder der Unsicherheit. Das Schöne an diesem Modell: Selbstwert ist nicht angeboren oder unveränderbar, sondern in hohem Maße abhängig davon, wie achtsam wir mit uns selbst und anderen umgehen.

 

Achten Sie einmal auf Augenblicke oder Situationen, in denen Sie im (Arbeits-)alltag Wertschätzung gegeben oder empfunden haben. Das kann ein positives Feedback sein, aber auch eine besonders nette Luncheinladung oder eine hilfreiche Empfehlung sein. Oder die Situation, dass Sie bei einem Problem geduldig zugehört haben/ Ihnen zugehört wurde. Oder…

 

Danach können Sie sich die folgenden Fragen stellen:

 

  • Was bewirkt Wertschätzung bei Ihnen? Mit welchen Empfindungen, Gefühlen oder Gedanken ist dies verbunden?
  • In welchen Situationen fällt es Ihnen eher leicht, Wertschätzung zu geben (z. B. wenn Sie entspannt sind, sich sicher und kompetent fühlen …)?
  • In welchen Augenblicken neigen Sie eher zu abwertenden Gedanken oder Äußerungen (z. B. wenn Sie gestresst und angespannt sind, sich ungerecht behandelt fühlen …)
  • Wen oder was können Sie gut wertschätzen (Personen, die Ihnen ähnlich sind? Kompetenzen und Fähigkeiten über die sie selbst nicht verfügen)?
  • Was löst eher Geringschätzung bei Ihnen aus (z. B. Vorgesetzte, die Sie nicht als souverän genug empfinden, Mitarbeiter, die eher langsam und vorsichtig agieren…)

 

Wenn Sie sich auf diese Weise aufmerksam und bewusst mit Wertschätzung beschäftigen, erlangen Sie eine differenziertere Wahrnehmung und Einschätzung ihrer eigenen Bedürfnisse und Verhaltensmuster und mehr „Selbst-Bewusstsein“ als Führungskraft. Achtsame und wertschätzende Führung setzt Selbstreflexion voraus und ist durchaus anspruchsvoll – aber erlernbar und trainierbar!

 

kvs

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